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Cuentos de mi Barrio - ein Jahr Barrio Nuevo

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Jochen Hack leistete seinen Zivildienst von Juli 2000 bis Oktober 2001 in Barrio Nuevo, einem kleinen Dorf 30 km nordöstlich von Rivas. In dem folgenden Artikel gibt er einen Überblick über seine 13 Monate Zivildienst.

Noch gut 2 km sind es. Wieder rutschen die Ochsen auf dem nassen Stein aus und unermüdlich treibt Elgar sie an. Die Last der 21 Säcke Zement für den Bau des Gemeindehauses in Sanchez 3 ist zu schwer und der Weg, besser gesagt das Flussbett mit seinen unzähligen Biegungen und Steigungen, nicht wirklich als Transportweg geeignet. Doch aufgegeben wird nicht. Jader und Adonis machen sich daran, die Hälfte der Säcke abzuladen. Zur Schule gehen die beiden 15jährigen schon seit einigen Jahren nicht mehr, da die Zeit "produktiver" auf dem Feld, beim Orangenschneiden oder auf dem Bau in Costa Rica verbracht werden kann. Adonis ist gerade erst vor einem Monat zurückgekommen und wird nun "Tico" (Spitzname für die Leute aus Costa Rica) genannt. Costa Rica bietet Arbeitsplätze, Nicaragua nicht, Einsamkeit, wirtschaftliche Ausbeutung seitens der Arbeitgeber und Illegalität sind auch dabei. Viele jugendliche Nicaraguaner und nicht nur männliche, weibliche werden vorwiegend als Hausmädchen in reichen Familien angeworben, kennen mehr von Costa Rica, als sie von ihrem eigenen Land gesehen haben.

Nachdem der Karren zur Hälfte entladen und nach Bewältigung der Steigung wieder beladen wurde, geht es weiter. Nach einer weiteren halben Stunde kommt die Materialfuhre in Sanchez 3 an. Vier weitere Male muss die 1,5stündige Wegstrecke von Barrio Nuevo bis hierher hin und zurück hinterlegt werden, bis auch die 1500 Backsteine, die für den Bau benötigt werden, da sind. Diese Baumaterialien müssen eingeführt werden, denn außer Holz, Steinen und Sand gibt es in Sanchez nicht viel. Auch keine Schule. Mit ca. $300 Spendengeldern aus Deutschland soll ein Gemeindehaus entstehen, dass der Gemeinde vormittags als Schule dienen soll und sonst für jede Art von Aktivitäten, außer politischen, zur Verfügung stehen soll. Gemeindehaus und keine Schule, weil damit der Regierung nicht aus der Verantwortung eine kostenlose Grundausbildung zu garantieren, geholfen wird. Offiziell besitzt die kleine Gemeinde ohne Strom und nur wenigen Brunnen auch nach Abschluss des Projektes keine.

Drei Wochen zimmern und mauern die Amateurmaurer, Familienväter das Gemeindehaus zusammen. Die Frauen kümmern sich um Erfrischungen und das Mittagessen. Uriel, der Lehrer, der täglich von Barrio Nuevo aus 1,5 Stunden angereist kommt um den 4 Klassen Unterricht zu geben, ist auch dabei und ich übernachte mit ihm auch einige Male in der Hängematte auf dem Bau, um früh morgens die Arbeit aufzunehmen und bis zur Mittagshitze wieder ein gutes Stück weiter zu kommen. Nachts erzählt er mir, dass ihn nicht die monatlichen $60 in diese entlegene Gegend treibt, sondern die Schüler, die zumindest 4 Jahre Schulbildung zu etwas lesen, schreiben und rechnen zu lernen verdienen.
Auf der Einweihungsfeier des Hauses werde ich zu Wort gebeten. Ich blicke zurück auf die drei Wochen, die ich zusammen mit den Männern der Gemeinde auf dem Bau verbracht habe. Gelernt habe ich mit einfachen Mitteln und viel Bereitschaft ein Haus entstehen zu lassen. Eine große Ehre war es mir die Gemeinschaft unter den Dorfbewohnern zu spüren und ihnen zu helfen ein Gemeindehaus zu bauen. Sie gaben mir das wenige, was sie hatten und oft war mir das zuviel, da ich durch die Zeit, die ich in Freizeit und beim Arbeiten mit ihnen verbracht habe und mich schon ein stückweit wie einer von ihnen fühle.

Das Jahr, das ich in Barrio Nuevo verbracht habe und durch meine Arbeit in den umliegenden Gemeinden, haben mich den Menschen sehr nahe gebracht. Alle kennen den "Chele" (Weißer) aus Punta Caliente, wie Barrio Nuevo von seinen Bewohnern genannt wird. Mit Englischunterricht und der Arbeit in einem Kinderzentrum hat es angefangen. Die Mitarbeit bei verschiedenen Bauerngruppen, die naturheilmedizinische Pflanzen auf einer Modellparzelle anbauen, um später ihre eigenen Gärten anzulegen und um auf diese Weise ihre Nahrung zu erweitern und einfache Naturheilmedizin zu betreiben, haben mir den landwirtschaftlichen Sektor erschlossen. Einige Wiederaufforstungsprojekte folgten. Was war noch möglich? Meine Kontakte ins reiche Deutschland wollte ich nutzen, um etwas mehr zu helfen. Ich erinnerte mich an die vielen Ärzte in meiner Familie und in meinem Verwandtenkreis, die Verbindung war das Gesundheitszentrum in der Nachbargemeinde von Barrio Nuevo, San Ignacio. Dort kommt ein Arzt einmal wöchentlich zum Behandeln, sonst sind nur zwei Krankenschwestern da. Gut 2000 Leute kommen aus teilweise bis zu 10km entfernten Gemeinden zu Fuß, um sich behandeln zu lassen. Medikamente gibt es so gut wie keine, selbst an Verbandsmaterial und sterilen Handschuhen fehlt es. Das durfte ich persönlich erfahren, als ich mich vor kurzem mit einer Machete ins Bein geschlagen hatte, dort genäht wurde, und danach beim dritten Mal Wunde reinigen kein Verband mehr da war. Auch hatte ich Glück, das an dem Tag, an dem ich mich verletzte der Doktor da war und mich nähen konnte. Über eine Zahnarztklinik, die eher einer Schneidewerkstatt ähnelt, verfügt Barrio Nuevo. Ihre besondere soziale Orientierung zeichnet sie aus. Ziel ist es, ihre Dienste möglichst zu einem für alle bezahlbaren Preis anzubieten. Die viel zu sehenden Goldzähne bei Jugendlichen und Erwachsenen mit Sternchenverzierung sind Beweis für ihre Effektivität und auch Popularität. Bei Offenbacher Zahnärzten um finanzielle Hilfe für die Zahnklinik in Barrio Nuevo zu bitten war naheliegend. Unbedingt nötig ist die Renovierung der Räumlichkeiten, die keine hygienischen Mindestbedingungen erfüllen und vielleicht durch diese Unterstützung erreicht werden kann. Vor kurzem ist ein gespendetes Röntgengerät aus Offenbach installiert worden, das die Klinik enorm aufgewertet hat.

Weitere Brücken versuche ich zu schlagen durch die Bildung von Partnerschaften zwischen deutschen Kindergärten und den Kinderspeisungen hier. Dafür habe ich diese Kinderspeisungen besucht, Interviews mit den Erzieherinnen geführt und mit Fotos einen Bericht dokumentiert, um ihn in deutschen Kindergärten zu präsentieren. Erste Erfolgserlebnisse gibt es schon und gegenwärtig wird ein kleines Kinderzentrum gebaut und demnächst ein weiteres. Jeweils mit der Materialfinanzierung seitens der deutschen Unterstützung und der Arbeitskraft seitens der Gemeinde. Dies senkt die Projektkosten enorm und die Bewohner identifizieren sich besonders durch diese Art von Beteiligung, gewinnen wichtige Kenntnisse und die Gemeinschaft wird positiv gefördert.

Ich bin letztes Jahr Ende Juni nach Nicaragua gekommen ohne großartige Vorbereitung und Vorkenntnisse, allein mit dem Willen nach meinen Möglichkeiten zu helfen, aber auch um zu leben, mitzuerleben, das Land, die Leute, die Kultur. Ein stückweit zu erfahren, was Nicaragua ist und seine "pinoleros" zu verstehen. Bedeutet hat das für mich konkret, mich auf die Menschen einzulassen, mich einzuschränken in materiellen Mitteln und meine Arme auszustrecken um anzunehmen: Freundschaft, gemeinsame Probleme, Erfahrungen ...

Vieles hing von mir selber ab. Wie ich mich einbringe und wo ich Initiative zeige. Mit der Gründung einer Fußballmannschaft habe ich meine eigenen Interessen mit eingebunden und nun wird jeden Nachmittag Fußball gespielt. Die Tore haben wir selbst gebaut und eine Liga wird bald auch angefangen. Ich habe gelernt, dass bei fast allem, es am wichtigsten ist, die Kreativität und Initiative der Menschen zu fördern, Ideen sprießen zu lassen und zeigen wie viel allein durch Willen und Gemeinschaft möglich ist. Höchstwahrscheinlich kann mit diesen sehr banalen Maßnahmen nicht die ökonomische Lage der Menschen verbessert werden, doch ein großes Stück der Lebensqualität, wie ich sie erfahren habe, hat nicht wirklich mit materiellem Besitz zu tun. Auch in einem verarmten Land wie Nicaragua besteht das Recht für alle auf freie Bildung, Gesundheits- und Ernährungsbedingungen, nur fehlt es wesentlich an deren Umsetzung. Wichtig neben der symbolischen, teilenden Unterstützung in Nicaragua ist auch die Öffentlichkeitsarbeit in Ländern wie Deutschland, die eine große Mitschuld für die Armut der Länder wie Nicaragua haben. Vielleicht habe ich mit diesem persönlichen Erfahrungsbericht einen ersten Ansatz in dieser mir ebenfalls sehr wichtigen Arbeit getan.

Nicht annähernd habe ich das niederschreiben können, was mich dieses Jahr bewegte und was ich erlebt und gelernt habe. Angerissen habe ich sowohl einiges. Ich hoffe, das Wesentliche ist angekommen.

Saludos a mis hermanos,
Jochen Hack
Zivildienstleistender in Nicaragua